Familie & Soziales


Wenn die Gefühle Achterbahn fahren

Ursula Richard ist Pionierin in der Kinderwunschberatung

Ursula Richard, Mitarbeiterin der Ehe-, Familien- und Lebensberatung (EFL) 
im Bistum Münster, berät ungewollt kinderlose Paare in Münster und Coesfeld.
ONsüd-Bild: Michaela Kiepe/Bischöfliche Pressestelle
Coesfeld/Münster (pbm/mek). „Es ist gut, dass die Kirchen das Thema ‚Kinderwunsch‘ aufgreifen und die Menschen nicht allein lassen, sondern sie unterstützen“, lobt Ursula Richard den diesjährigen Schwerpunkt der „Woche für das Leben“. Sie selbst engagiert sich seit 1995 in der Beratung von Paaren, die ungewollt kinderlos sind. Damit gehört sie zu den Pionieren in der Kinderwunschberatung und ist Gründungsmitglied des Beratungsnetzwerkes für Kinderwunsch Deutschland (BKiD). Seit 2003 bietet sie in der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle (EFL) in Coesfeld sowie im „Haus der Familie“ in Münster Einzel- und Paarberatungen sowie Gesprächsgruppen an. Ihre Klienten kommen aus dem gesamten Umland. „Mit den beiden Standorten sind wir für Betroffene in der Region gut zu erreichen“, erklärt sie.

Eigene Erfahrungen haben Richard motiviert, sich zu engagieren. „Ich spreche die ‚Kinderwunschsprache‘ und erfasse schnell, wo die Paare auf ihrem Kinderwunschweg stehen. Ich kann dementsprechend auf sie eingehen und ihnen eine unabhängige Fachberatung anbieten“, nennt sie einen weiteren Vorteil.

Die Paare, die sich an sie wenden, befinden sich in unterschiedlichen Stadien. „Manche überlegen, sich medizinisch unterstützen zu lassen, andere sind bereits in reproduktionsmedizinischer Behandlung. Viele sind völlig verzweifelt und ohnmächtig, denn in ihrem Leben und vor allem in der Partnerschaft scheint sich alles nur noch im Kreis zu drehen. Da helfen Bewältigungsstrategien, die ich mit ihnen zusammen erarbeite“, lässt sie einen Einblick in ihre Arbeit zu. Das gelte auch für Paare, die von ihrem Wunsch Abschied nehmen müssten. „Das wird immer schwieriger, denn die medizinischen Möglichkeiten werden immer differenzierter. Auch der Druck, der von außen durch ,wohlgemeinte‘ Ratschläge auf die Paare ausgeübt wird, ist enorm“, betont Richard. Mit ihren Klienten gelte es auch, gemeinsam einen Plan B, C oder D zu entwickeln. „Ein Weg, der gut vorbereitet werden muss“, weiß die Fachfrau. Ziel sei es, ein „gemeinsames Drittes“ zu finden. „Es geht für viele schließlich um die Suche nach dem Sinn des Lebens.“

In der Beratung versuche sie, die Paare zu entlasten und ihnen den Druck zu nehmen. „Die meisten kommen nach zwei oder drei Fehlversuchen. Sie haben eine Achterbahnfahrt der Gefühle zwischen Hoffen und Verzweifeln hinter sich. Sie wirken gehetzt, da sie oft durch ihr Alter ein kleineres Zeitfenster für den Kinderwunsch haben“, berichtet sie von ihren Erfahrungen. Ihre Aufgabe sei es, zu helfen, das Tempo zu reduzieren. „Es ist wichtig, die Fehlversuche sacken zu lassen, und dafür zu sorgen, dass die Seele nachkommt“, sagt Richard. Vielen Klienten sei ebenso gemeinsam, dass ihre eigene Würde und ihr Selbstwertgefühl deutlich angekratzt seien. Denn die ungewollte Kinderlosigkeit wirkt sich schnell auch auf die eigene Person aus.

Die medizinische Erfolgsquote – die so genannte Baby-Take-Home-Rate – liege pro Versuch lediglich bei 15 bis 25 Prozent. „Nach einem Fehlversuch erleben die Paare Phasen der Trauer, die manchmal sogar mit dem Verlust eines nahen Angehörigen vergleichbar sind“, erklärt Richard.

Schwer verständlich ist für die Ehe-, Familien- und Lebensberaterin, dass der in den 1980-er Jahren verbreitete Mythos „Seele“ immer noch in vielen Köpfen ist. „Der Einfluss der Psyche wird völlig überschätzt. Seelische Probleme haben die Paare höchstens, weil sie keine Kinder bekommen und nicht umgekehrt“, stellt Richard klar.

„In der Beratung möchte ich ihren Blick aus dem Tunnel heraus in die Weite leiten“, betont Richard. Ein wunderschönes Ergebnis sei es natürlich, wenn sich der Kinderwunsch der Paare erfülle. „Aber genauso freue ich mich, wenn ein Paar seinen alternativen Lebensweg gefunden hat. Fruchtbarkeit geht auch anders!“

Informationen im Internet unter: www.ehefamilieleben.de/gruppen/kinderwunsch/

Anmerkung zum redaktionellen Hintergrund:

Die „Woche für das Leben“ ist seit mehr als 20 Jahren die ökumenische Aktion der evangelischen und katholischen Kirche für den Schutz und die Würde des Menschen vom Lebensanfang bis zum Lebensende. In diesem Jahr findet die „Woche für das Leben“ vom 29. April bis zum 6. Mai 2017 statt. In diesem Jahr steht sie unter dem Motto „Kinderwunsch – Wunschkind – Designerbaby“.

Informationen im Internet unter: www.woche-fuer-das-leben.de


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